Der $hop

Ästhetische Produkte in top Qualität stützen nachhaltig den Diskurs: Man nennt es kritischen Kapitalismus.

Bei Fragen zu unseren angebotenen Produkten
oder generellen Anfragen stehen Dir die folgenden Optionen zur Verfügung:
Gruppenchat über Perisphere Telegram Channel
Nachricht per Tweet oder DM via Twitter oder Instagram.


NBDBKP, TEIL II: IM GESPRÄCH MIT NIELS BETORI DIEHL

Getreu dem Motto Ladies first, hatte ich vergangenes Jahre zu erst Barbara K. Prokop den weiblichen Part des NBDBKP Duos zu Gast. Herausgekommen ist dabei ein ganz wunderbares Interview an das ich immer noch gerne denke.
Und weil hier in der perisphere alles ganz langsam geht, wir eh nicht primär für die Gegenwart, sondern vor allem immer für die uns Nachfolgenden, die Zukunft und die Ewigkeit – so viel Pathos muss sein – arbeiten, kommt nun ganz in Ruhe, aber immer noch rechtzeitig zum morgen anstehenden Midterm Massaker Wahlen in den USA das Gespräch mit Niels Betori Diehl, Barbaras dynamischem Partner on fire.

FK: Niels wie ist die Lage? Wie ist die Stimmung?

NBD: Wie ein Bekannter zu sagen pflegte, der sich geschäftlich immer am Rande der Insolvenz bewegte: Wer jetzt noch lacht, hat Reserven.

FK: Perisphere ist immer noch—trotz allem und obwohl ich’s ja gerne ändern würde—eine Art Kunstblog, deshalb direkt: Die Documenta Fifteen ist endlich doch zu Ende gegangen.
Wie ist Dein Fazit?

NBD: Alles, was dem Ansehen dessen schadet, was man heute zeitgenössische Kunst nennt, ist gut, denn es handelt sich dabei größtenteils gar nicht um Kunst, sondern um Propaganda. Deshalb stellte das, was mit der Documenta Fifteen einem breiteren Publikum ersichtlich geworden ist, in gewisser Weise etwas Nützliches dar. Propaganda ist keine Kunst, und nicht allein weil ihr Ziel ausserhalb dessen liegt, wozu Kunst geschaffen wird, sondern auch und vor allem, weil Kunst nicht funktionalisiert werden kann, ohne sich vollkommen aufzulösen und nur noch zu Bebilderung zu verkommen. Funktionalisierte Kunst ist angewandte Kunst, und hat als solche wiederum ihre Berechtigung, aber sie muss dann auch als solche benannt werden. Das heißt, dass das meiste, was heute an Kunst produziert wird, nicht einfach als bildende Kunst historisiert werden dürfte, sondern in eine andere Kategorie gehört.
In einem Artikel, den ich für Achgut geschrieben habe und der später in der Jüdischen Rundschau erschienen ist, erwähnte ich, dass ich bereits 2017 auf der vom Israelhasser Adam Szymczyk kuratierten Documenta 14 die Vorahnung hatte, die darauffolgende Documenta werde wohl ganz auf Kunst verzichten, um den Aktivismus nicht zu verwässern. Nun hatte die Documenta von Anfang an weniger mit Kunst selbst als mit Volkserziehung zu tun. Man wollte im Nachkriegsdeutschland der Fünfziger den deutschen Geist heilen, später übernahm Joseph Beuys diese Rolle in schamanistischer Manier. Beuys hat sich ja sehr stark dafür eingesetzt, Kunst immer mehr zum ideologischen Instrument verkommen zu lassen. Die Documenta Fifteen ist der logische Endpunkt dieser Bemühungen, und der liegt in der postkolonialen Barbarei. An der Institution Documenta ist nichts mehr zu retten, sie gehört abgeschafft. Mit der Documenta Fifteen im Speziellen sollten wir uns eigentlich gar nicht mehr beschäftigen, denn dieser starke Fokus auf einen einzigen Fall vermittelt vielen das Gefühl, es handle sich tatsächlich um einen Einzelfall: Hass auf Israel und also auf Juden ist jedoch gerade in der Kunst praktisch Konsens, und wer diesen Hass oder zumindest eine gewisse Ablehnung nicht verinnerlicht hat, hat in der Kunst gar nichts mehr zu melden. Wenn wir über Antisemitismus in der Kunst sprechen, sprechen wir von etwas Systemischem, das aus dem, was die Kunst geworden ist, selbst erwachsen ist. Es gibt innerhalb des Kunstbetriebs nichts mehr zu retten oder zu diskutieren. Es hilft nur der Vorschlaghammer.

Niels Betori Diehl, BUILDING STEAM WITH A GRAIN OF SALT (Naike), 2007, digitaler C-Druck auf AluDibond, 100 cm x 200 cm


FK: Wir wurden dieses Jahr direkt mit zwei Kunst-Großereignissen beglückt. Zusätzlich zur Documenta gab’s ja noch die Biennale in Venedig. Die Kuratorin dort war offensichtlich etwas geschickter und hat große Skandale vermieden. Im Gegenteil sogar, sie wurde überwiegend gefeiert.
Deine Meinung dazu würde mich auch noch mal interessieren, bitte. The Milk of dreams, was ist da drin?

NBD: Die Documenta und die Biennale in Venedig haben in diesem Jahr exemplarisch vorgeführt, welche zwei kuratorischen Strategien nach der jahrzehntelangen Abtötung jedes nicht durchideologisierten Denkens in der Kunst überhaupt noch möglich sind: entweder man beugt sich dem von der neuen identitären Linken vorgegebenen Zeitgeist und landet in der Reisscheune bei den Verherrlichern des antijüdischen Terrors, oder man zieht sich zurück ins Uneindeutige, speziell im Fall der Biennale in einen entmännlichten Surrealismus zurück, dem man jegliche provokativen Züge abtrainiert hat. Man sieht es auch bei sehr vielen jungen Künstlern, die sich in einer Welt der Gnome, Riesenpilze und Feen eingenistet haben, und sich ihr ästhetisches Vokabular aus obskuren, von Furries und Anime-Figuren bevölkerten Nischen-Memes ziehen.
Der Biennale-Titel The Milk of Dreams wurde einem Kinderbuch der surrealistischen Malerin Leonora Carrington entliehen, in dem eine magische Welt voller hybrider Wesen beschrieben wird. Die mexikanische Künstlerin gab gerne vor, ihre Mutter habe sie durch die Begegnung mit einer Maschine gezeugt, sie sei also nicht geboren, sondern “gemacht” worden. Die Biennale-Kuratorin Cecilia Alemani, die zufällig die Lebensgefährtin des Kurators der Venedig-Biennale von 2013, Massimiliano Gioni, ist, hat hier alle Referenzen gefunden, die man heute gut gebrauchen kann, um nirgendwo anzuecken: Eine weibliche mixed-race Künstlerin, die die männliche Domäne der Surrealisten unterwandert und nette verdauliche Metaphern für die Etablierung einer transhumanistischen Ideologie liefert—eine Ideologie, die sich an Zwitterwesen aus Mensch und Maschine aufgeilt, und die den Menschen an sich ganz im Sinne einer Luisa Neubauer als Hindernis für eine harmonisch funktionierende Welt betrachtet.
Einerseits also die Rückkehr ins Rurale, die Auflösung der Konflikte und der Herausforderungen der modernen Gesellschaft im edelwilden Kollektivismus, in der autoritären Fortschrittsfeindlichkeit; andererseits transhumanistische Phantasien, die auf ästhetischem Wege unsere natürliche Abwehr gegenüber Klaus Schwabs Enkomiastik der neurotechnologischen Brain Enhancements und des Genetic Editings senken zu wollen scheinen. Fortschrittsfeindlichkeit und menschenfeindlicher Fortschrittsglaube lösen sich also in der Dialektik der neuen Zeit auf. Letztendlich wird hier ein vollkommen ungebildetes, unvorbereitetes und überfordertes Publikum für das Global-Governance-Modell geformt. Der Kunstbetrieb ist dazu da, die unpopulärsten und toxischsten Ideen durchzuboxen, und das durch Akteure, die sich ihrer Sache genau so sicher sind, wie sie sich ihrer Indoktrination vollkommenen unbewusst sind.

FK: Wer sind letztendlich die Akteure? Wer ist verantwortlich für diese Entwicklung?

NBD: Verschwörungstheorien sind ja nicht deshalb idiotisch, weil es keine Verschwörungen gibt (die gibt es sehr wohl), sondern weil sie Verschwörungen hinter systemischen Phänomenen wittern, die gar keiner Steuerung bedürfen: Cecilia Alemani hat niemand etwas befohlen, sie rührt von sich aus die Trommel für anti-anthropozentrischen Kitsch à la Donna Haraway, weil das in ihren elitären Kreisen zum guten Ton gehört. Verschwörungstheorien sind nicht allein deshalb fatal, weil sie sich immer einen einfach auszumachenden Sündenbock suchen—und der ist am Ende immer der Jude—, sie sind es auch, weil sie viel zu optimistisch sind. Selbst wenn man ganz Davos in die Luft sprengen würde: Dieser spießige Schwabsche Neomarxismus war vor Gründung des WEF Anfang der Siebziger bereits pervasiv und wird von seinen zahllosen Adepten in die ganze Welt hineintransportiert. Wir werden ihn nur los, wenn wir dezidiert gegensteuern. Ein guter Anfang wäre, wenn eine signifikante Mehrheit keinen Avatars wie Macron mehr ihre Stimme gäbe.

In Frankreich hat es bei der letzen Wahl für Marine Le Pen nur nicht gereicht, weil die Schicht der Boomer-Pensionäre in der alternden Gesellschaft Frankreichs im Globalismus noch das Antlitz einer vergangenen liberalen Weltsicht zu erkennen meinen, und weil ihre privilegierten Existenzen sie von den Zumutungen der neuen Welt abschotten. In Großbritannien hat Rischi Sunak, der neu installierte junge Premierminister mit Migrationshintergrundbonus sich gerade erneut für die Einführung einer Central Bank Digital Currency (CBDC) ausgesprochen, die sich für die größte Ausweitung totalitärer Macht in der Geschichte der Menschheit anwenden ließe. Eine umfassende Kontrolle über jede Transaktion jedes einzelnen Bürgers entspräche der Realisierung des ultimativen Regimes, das die Perfidie des chinesischen Social-Credit-Systems noch übertrifft.
Im Kunstbetrieb hat man solchen Entwicklungen überhaupt nichts entgegenzusetzen, man zelebriert eher eine hegemoniale Kultur, der gerade solche autoritären Auswüchse entstammen, und schmückt sich gleichzeitig mit den vulgärsten Formen der Kapitalismuskritik vergangener Zeiten.

NBDBKP, e-flux-logo.svg, 2017, Vinyl-Schriftzug auf Yacht, je 400 x 120 cm


FK: Das interview mit Barbara ist jetzt ein gutes Jahr her. Vielleicht mal eine kleine Zwischenbilanz mit Blick auf die Geschehnisse in den vergangenen Monaten.
Was würdest du sagen, wie hat sich unsere Situation verändert?

NBD: Barbara und mich beschäftigt nicht nur, was in Amerika passiert, weil es uns Vorboten dessen bietet, was nach einer Weile an Heimtückischem zu uns rüberschwappen wird. Uns interessieren vor allem die strategischen Impulse, die uns von dort erreichen, und die uns Ideen liefern, wie mit der gegenwärtigen eingefahrenen Lage einer unidirektionalen politischen Klasse umzugehen ist, wenn auch die Bedingungen in Europa ganz andere sind. Die Akzeptanz des Autoritären, die sich in Deutschland in der Tendenz zum Duckmäusertum äußert, ist dem Amerikaner in der Regel Fremd, wobei die linksgerichteten urbanen Schichten in den US-amerikanischen Küstenregionen große Ähnlichkeiten zu unseren grünen Pseudo-Eliten haben.
In Amerika hat sich MAGA vor allem im Laufe des vergangenen Jahres zu einer riesigen Graswurzelbewegung entwickelt, die sich nicht allein gegen die Uniparty aus Demokraten und Country-Club-Republikanern der alten Garde (die sogenannten RINOS, Republicans In Name Only) wendet, sondern auch gegen die globalistische Agenda eines Managed Declines, den selbstzerstörerischen Green-New-Deal Wahn, die Indoktrination zum antiweißen (Selbst-)Hass und den Trans-Kult, der die Verstümmelung und Kastrierung von Kindern als Errungenschaft feiert. Eine Anzahl an starken MAGA-Kandidaten hat bereits in den Primaries über RINO-Kandidaten gesiegt und wird am kommenden 8. November in den wichtigsten Midterm Elections seit über hundert Jahren Kleinholz aus vielen Kandidaten der Demokraten machen. Ziel ist es, so viele Sitze in den zwei Kammern des Senats und des Repräsentantenhauses wie nur möglich für MAGA-Republikaner zu holen, um Bidens pseudo-woke Agenda zu blockieren und Nancy Pelosi als Sprecherin des Repräsentantenhauses loszuwerden.
Pelosi leitet auch den Untersuchungsausschuss zum 6. Januar, der einzig und allein zur Diskreditierung und Kriminalisierung der Opposition eingeführt wurde. Diesem Scheingericht, dem jegliche Legitimität fehlt, wird von einer republikanischen Mehrheit wohl bald der Garaus gemacht. Momentan sitzen dutzende Protestierende, die am 6. Januar 2021 ins Kapitol eingedrungen sind, um ein paar Selfies zu schießen, noch immer unter zum Teil unmenschlichen Bedingungen im Knast, einige wurden von Gefängniswärtern gefoltert, einer von ihnen verlor dabei ein Auge. Eine 69-jährige, an Krebs erkrankte Großmutter wurde zu 60 Tagen Knast wegen “trespassing” verurteilt.
Dabei gab es am 6. Januar nur zwei Opfer: Beide weiblich, beide Trump-Supporter—die eine, Ashli Babbitt, kaltblütig erschossen, die andere, Rosanne Boyland, totgetrampelt in einer von der Polizei aufgepeitschten Menschenmenge. Im Gegensatz zu den blanken Lügen, die noch heute von der Medienmaschinerie verbreitet werden, starb am 6. Januar 2021 bei dem Sturm aufs Capitol kein einziger Polizist. Es ist nur bittere Ironie, dass knapp drei Monate später ein von Louis Farrakhans Nation of Islam fanatisierter Schwarzer mit dem Auto eine Schutzbarriere um das Capitol rammte und dabei einen Polizeibeamten ermordete. Diese Geschichte verschwand sehr bald aus den Medien, weil sie nicht in das Schauermärchen des weißen, christlichen, MAGA-Hut tragenden Domestic Terrorists passt.
Nicht nur Trump, sondern Dutzende Anhänger der von ihm initiierten Bewegung, denen keine Straftat nachzuweisen ist, mussten in den vergangenen Monaten Raids in ihren Häusern und vor den Augen ihrer Kinder über sich ergehen lassen, und wurden von einem FBI bedroht, das immer mehr zu einer Miliz der Demokraten missbraucht wird. Man spürt förmlich die Panik vor dem Machtverlust nach den Midterms, die in immer autoritäreren Maßnahmen zum Ausdruck kommt. Die Culture War entwickelt sich gerade zu einem schwelenden, immer gewaltvoller ausgetragenen Konflikt des Administrative States gegen eine Bevölkerung, die sich immer bewusster dessen wird, dass Trumps Sieg 2016 einen Glitch in der Matrix dargestellt hat—etwas für die Eliten des Landes gänzlich Unerwartetes und Ungeheuerliches, das es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt.

NBDBKP, Case Study (The world is an angry place), 2017,
Spanplatten, selbstklebendes bedrucktes Vinyl, Erdmännchenfiguren,
Desinfektionsmittel, Baseballkappe, Kapuzenpulli, 315 x 90 x 35 cm


FK: Vor kurzem stieß ich aus Zufall auf ein Radioessay von Alexander Grau mit dem Titel Der neue „woke“ Kapitalismus – „Keine Heuchelei, es ist viel schlimmer. Wie würdest Du diese Analyse bewerten?

NBD: Hier muss ich etwas ausholen. Wenn Alexander Grau Ernst Jüngers
Waldgang zitiert, kann man in seiner ein wenig vor Entrüstung bebenden Stimme den Evergreen deutscher Boomer-Linken nachhallen hören, nach dem der Faschismus eine Variante des Kapitalismus in der Krise darstellt.
Jünger entwickelte den 1951 erschienenen Essay ja aus seinen Erlebnissen im Nationalsozialismus, um daraus eine Lebensphilosophie des Nonkonformismus und des Widerstands zu formulieren. Grau scheint es dagegen vor der heutigen Zeit zu grauen, der Wald erscheint wieder als die einzige Option. Und das Individuum soll sich, so Grau, nach Jüngers Vorgaben irgendwie aus eigener Kraft selbst befreien. Da dies die Wenigsten können, endet das natürlich alles in der Sackgasse des Elitären—dort, wo man endet, wenn man der eigenen Zeit nichts abgewinnen kann. “Was gestern noch modern war, ist heute schon out”: Allen Ernstes spricht Alexander Grau mit vorwurfsvollem Ton solche Versatzstücke der Schulbuch-Konsumkritik ins Mikrophon, als hätte Adolf Loos nicht bereits 1908 in seinem Aufsatz Ornament und Verbrechen die Strategie hinter den von Demna Gvasalia für Balenciaga vorsätzlich konzipierten Scheußlichkeiten beschrieben, die durch ihr schnelles Unerträglich-Werden den Hunger auf immer Neues befeuern.
Grau kann sich auch als Konservativer nicht vom Marxismus lösen, den er im Philosophiestudium eingeflößt bekommen hat (er promovierte 1998 mit einer Dissertation über Hegels Erkenntnistheorie an der FU-Berlin). Es scheint wirklich schwierig zu sein, davon wegzukommen. Obsessiv fällt in diesem halbstündigen Vortrag immer wieder der Begriff „Kapitalismus“, ohne dass es an irgendeiner Stelle zu einer Auflösung käme. Man weiß nach 29:31 Minuten nicht, was Grau damit genau meint, und somit ist dem Ganzen schwer zu folgen. Wer, wie er, den Kapitalismus als eine Ideologie betrachtet—was er nicht ist—verschreibt sich der Marxschen und Engelsschen Definition von Ideologie als die Gesamtheit der “Gedanken der herrschenden Klasse”, die in jeder Gesellschaft auch die “herrschenden Gedanken” sind (bis hier alles gut), und die jedoch—und jetzt kommt’s—“weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse” sind. Bums, aus.
Mit der materialistischen Geschichtsauffassung, die impliziert, dass Recht, Religion, Philosophie und andere Elemente der Kultur keine eigene Geschichte haben, konnte ich nie etwas anfangen. Die Unmöglichkeit, als Konservativer oder Rechter oder Wer-auch-immer mit Marxisten zu diskutieren, ist ja dadurch bedingt, dass sie jegliche Kritik, die sich nicht den marxistischen Umkehrungen und Umdefinierungen beugt, von vornherein als trivial ablehnen bzw. ablehnen müssen. Ich verstehe Graus Dilemma, irgendwie will er mitspielen in einem Diskurs, der bereits vor Jahrzehnten von Linken hegemonial besetzt wurde. Er versucht die Quadratur des Kreises, und tut mir leid dabei. Mich hat es irgendwann wirklich nicht mehr interessiert, in diese immergleichen Dynamiken hineinzugeraten: immer wieder das gleiche fruchtlose Argumentieren wie gegen eine Gummiwand, immer wieder diese herablassenden, letztendlich oft zutiefst mittelmäßigen Gestalten. Das nüchterne Verständnis von Ideologie als ein System von Ideen, das von “Gruppen zur Legitimation ihrer eigenen Handlungen und zur Beurteilung der Handlungen Fremder” genutzt wird, ist für Marxisten inakzeptabel, weil es sie selbst mit einschließt. Und Marx hat sich ja gerade ein Konstrukt geschaffen, das ihn als einzigen vom Verdacht der Ideologie befreit. Ideologen sind immer die anderen.
Wie Grau sehr wohl weiß, ist das aber alles sehr vorgestrig. Der woke, identitäre Neomarxist von 2022 schert sich nicht um den Klassenkampf, er weiß nicht mal, was das ist. Demgegenüber erscheint Marx dem stahlharten, auf Selbstbeschränkung und Verzicht bedachten Kaufmann, den sich Grau insgeheim zurückwünscht, noch eher affin.

NBDBKP, The Wonders of Me, 2018, bedruckte Acrylplatte, 60 x 40 cm


FK: Was sagst Du zu Alexander Graus Verbindung zwischen Wokeness und Kapitalismus?

NBD: Grau erahnt mehr als er begreift, und verfällt dabei immer wieder einem vulgärmarxistischen Weltbild, das jede Analyse verfälschen muss. Wenn er beispielsweise behauptet, „die Woken [seien] die ideologischen Sturmtruppen des globalisierten Finanzkapitalismus spätmoderner Prägung“, vermischt er unwillentlich die Karten: Wokeness ist ein neomarxistischer Kult, der nicht zufällig in protestantisch geprägten Ländern der Anglosphäre nach Jahrzehnten des langen Marsches der Kulturlinken durch die Institutionen als dessen Ausdruck im Mainstream entstanden ist. Kapitalistische Gesellschaften unterschiedlichster Couleur reagieren unterschiedlich auf Wokeness, wie sie auf jedes kulturelle, gesellschaftliche oder historische Phänomen unterschiedlich reagieren, und sich ihm entsprechend anpassen. Dass Wokeness in Deutschland bürokratisch institutionalisiert wird, sich in der Bevölkerung jedoch nicht besonders gut verankern lässt, oder dass sie in Italien beispielsweise nur ein Randphänomen bleibt, ist kein Zufall: Kulturelle Besonderheiten spielen eine fundamentale Rolle, natürlich auch Religion. “Den Kapitalismus” gibt es nicht, weil er keine Ideologie ist, und gerade deshalb ist eine kapitalistische Gesellschaft, in all ihren widerwärtigen und beklagenswerten Aspekten, immer unvergleichlich besser als eine Gesellschaft, die auf obligatorischer Brüderlichkeit beruht. Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty schrieb 1969, dass es keine Träume und Abenteuer mehr geben kann, wenn wir den Marxismus ablehnen. Ich behaupte genau das Gegenteil.
Graus These, Wokeness sei dem Kapitalismus entsprungen (und nicht etwa auf Gramscis, Marcuses, Foucaults oder Butlers Mist gewachsen) ergibt so wenig Sinn wie es die Theorie der spontanen Generierung aus dem 17. und 18. Jahrhundert tut, nach der das Leben spontan aus Materie entstehen kann. Wie Jan Baptiste van Helmond, der glaubte, mit einem Experiment bewiesen zu haben, dass Mäuse direkt aus Weizenkörnern und schmutziger Kleidung geboren werden, glaubt Grau, dass alles böse dem Kapitalismus entspringt, und diesmal sind es eben die Woken. Letztendlich ist das, wie alle einfachen Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen, reine Verschwörungstheorie.
Was Grau maximal frustrierend macht, ist, dass er an anderer Stelle schon zu interessanten Schlüssen gekommen ist, wie zum Beispiel als er 2017 Trump als den wahren 68er beschrieb. Was er damit meinte, haben in Deutschland noch heute die wenigsten auch nur ansatzweise verstanden. Aber er bleibt ein Hit-and-Miss-Philosoph: Im selben Jahr schrieb Grau einen Artikel über das Verhältnis der Deutschen zu Israel, der zwar eine klare pro-israelische Position einnahm, wie man sie nur selten in Deutschland zu lesen bekommt, in dem aber jeglicher Verweis auf Antisemitismus als struktureller Bestandteil deutscher Identität fehlt. Grau erklärt sich Sigmar Gabriels unerträgliches Geschwafel über Israels vermeintliches Apartheid-Regime oder seine Freundschaftsbekundungen gegenüber dem Terroristen Mahmud Abbas mit der deutschen Verklärung des Orients als Sehnsuchtsort. Und er schreibt die übliche deutsche Irritation über Israels Selbstbehauptungswille der “Schwächlichkeit” des “Appeasement-Deutschen” zu. Das sind alles gute, richtige Beobachtungen, aber hier erscheinen sie bloß als isolierte, geschichtslose Affekte. Grau ist ein unsystematischer Denker mit guten Intuitionen. Seine ideologische Unentschlossenheit verleitet ihn dazu, Ideologie dort zu erkennen, wo sie nicht zu finden ist, und sie dort zu übersehen, wo sie herauszuarbeiten wäre.

NBDBKP.Store, In Defense of Elitism, 2019, White T-shirt with silkscreen print, numbered edition of 50


FK: Dein ‚Facebook-Shitposting‘ zeigt offenbar Wirkung, Du bekommst Kritik aber auch Zuspruch, letzteres—wie Du glaube ich im Podcast mit Christian Schneider erzählt hast—aber eher unter vorgehaltener Hand.
Wie ist hier die Situation?

NBD: In der Tat erhalte ich immer wieder Zuspruch über Privatnachrichten, von Leuten, die sich Aufgrund ihrer Tätigkeit oder persönlichen Situation nicht offen äußern können, oder die sich noch in einer Phase der Ungewissheit befinden, aber offen sind. Oft ist diesen Leuten zum ersten mal etwas widerfahren, was sie nachdenklich gestimmt hat, oder sie erkennen sich in etwas, was ich gepostet habe, und sind mir dankbar, weil sie es in ihren eigenen Kreisen sonst von niemandem hören. Mir ist bewusst, dass man von sich nie auf andere schließen sollte und dass nicht jeder sich die Freiheiten erlauben kann, die ich mir erlaube. Deshalb habe ich für diese Leute nur Respekt übrig, obwohl sie politisch closeted sind.
Facebook ist einerseits mein Newsfeed, andererseits ist mein Profil eine Art Deponie für all das, was ich in meinen ungerichteten Recherchen an Bemerkenswertem finde. Ich verstehe und nutze Facebook letztendlich auch als Archiv. Vor allem aber lerne ich dort gute Leute kennen, manchmal entstehen so auch Freundschaften. Die Verbindung zu Christian Schneider, mit dem ich regelmäßig podcaste, kommt daher. Meine Bezeichnung als “Shitposter” stammt von Christian, sie stimmt teilweise. Das hat aber nichts mit meiner Motivation zu tun, sondern eher mit meiner goliardischen Seite.
Ich tausche mich auf Facebook u.a. mit Leuten aus, die aktiv an der MAGA-Bewegung beteiligt sind, wie etwa der großartige Lee Smith, dessen Artikel für Tablet immer sehr aufschlussreich sind, oder mit Intellektuellen der neuen Rechten wie Mark Granza, der das fantastische konservative Magazin IM1776 gegründet hat. Einige der interessantesten Leute sind junge ehemals linke Amerikaner aus dem Dunstkreis der Platypus Affiliated Society, die jetzt full MAGA sind. Chris Cutrone, der zur älteren Generation gehört, ist eine prägende Figur dort. Er schrieb schon 2017 Fulminantes aus marxistischer Perspektive über den Tod der Linken und die Bemühungen der Demokraten, durch Anti-Trumpism die Millennials mit dem Status quo zu versöhnen. Ich schätze auch einige Autoren der Berliner Zeitschrift Bahamas sehr. Felix Perrefort von Achgut war als unermüdlicher Gegner autoritärer COVID-Maßnahmen von Anfang an am Ball, Kolja Zydatiss hat mit seinen Beiträgen einen Inventar der Cancel Culture erstellt und Adrian Müllers Recherchen sind eine unerschöpfliche Quelle woken deutschen Antirassismus-Wahnsinns. Von Jonas Dörge, der mit seinem Bündnis gegen Antisemitismus den Sumpf der Documenta Fifteen schon sehr früh aufgedeckt hat, und dafür erwartungsgemäß auf beschämende Art attackiert und verunglimpft wurde, kommen immer präzise und bissige Analysen zum Antisemitismus in Deutschland. Vor allem was Ereignissen in Israel und ihre Rezeption durch amerikanische Juden betrifft, schaue ich immer zuerst, was Jonathan Tobin dazu sagt. Michael Rectenwald, der ehemalige marxistische Professor aus New York, der heute Bücher wie Google Archipelago und Beyond Woke schreibt, ist auch unerschöpflich, gerade auch was das Thema WEF und die vermeintliche Verschwörungstheorie des Great Resets betrifft. Frank Furedi ist immer interessant, gerade auch sein neues schlankes Buch zum Krieg in der Ukraine kann ich sehr empfehlen. Marco Gallina von Tichys Einblick ist unschlagbar, speziell was die Berichterstattung aus Italien betrifft. Zuletzt noch eine Empfehlung für diejenigen, die etwas auf Deutsch über amerikanische Politik lesen wollen: Gregor Baszak von Cicero ist der einzige in der deutschen Medienlandschaft, der wirklich etwas davon versteht. Man sollte alle seine Artikel, vor allem die auf Interviews basierenden, lesen.

Niels Betori Diehl, CHANT OF THE CHOSEN MAIDENS / module 2, 2006, Einkanal-Videoloop auf Monitor, 7:55 Min.


FK: Deine Plattform ist Facebook, wie sieht’s aus mit Twitter, Gettr oder ähnlichem? Gibt es Pläne?

NBD: Ich bin gleich dreimal auf Instagram, mit meinem eigenen Profil, mit NBDBKP und dem NBDBKP.Store. Twitter habe ich seit Elon Musks Übernahme allmählich begonnen, aktiver zu nutzen, obwohl ich dort natürlich schon länger den wichtigen Akteuren, aber auch obskureren Figuren folge. Als Plattform ist sie mir aber zu dispersiv. Gettr macht mir keinen Spaß, weil mich Echokammern nicht interessieren. Allerdings ist Gettr eine gute Quelle für alternative Medien. Was Barbara bereits schrieb, möchte ich aber an dieser Stelle nochmal wiederholen: Ohne die tägliche Dosis Steve Bannon’s War Room geht gar nichts. Ich höre jede Nacht als Letztes die aktuellen Podcast-Folgen, die ja wegen der Zeitverschiebung hier in Europa erst zu später Stunde verfügbar sind, und werde wohl Probleme beim Einschlafen bekommen, wenn sie es tatsächlich schaffen, ihn für Monate hinter Gitter zu bringen.

FK: Läuft das 24/7 social Media Shitposting bei dir eigentlich unter Kunst? Performance, Happening, Theater, Intervention? Man könnte das, was Du da treibst, wenn man denn wollte, ja problemlos in irgend ein Form der künstlerischen Praxis—welch grausiger Begriff(!)—eingliedern.
Ist das was Du da treibst Kunst?

NBD: Gerade weil ich die Verquickung von Kunst mit anderen Zielsetzungen, die nichts mit Kunst zu tun haben, ablehne, sage ich an der Stelle dezidiert nein. Sicherlich beeinflusst aber die Tatsache, dass ich die Welt als Künstler betrachte, die Art, wie ich mit sozialen Medien umgehe. Ich habe ja immer schon mit gefundenem Material gearbeitet und mich für politische Ästhetik interessiert. Memes faszinieren mich besonders wegen ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität, das Fehlen einer eindeutigen Intentionalität macht sie oft zu wunderbar gefährlichem Material. Plattformen wie 4chan begreife ich als die letzte Avantgarde, der Ort rauer, wahrhaftiger visueller Intelligenz, das letzte Refugium eines vollkommen von Moralin befreiten Humors. Post-Internet-Kunst war in ihrer Essenz ja nur ein müder Abklatsch dessen, was anonyme Shitposter täglich raushauen—ihr fehlte jegliche Radikalität, weil sie gefallen wollte. Memes müssen nur funktionieren, das ist das einzige Ziel.

NBDBKP, Relax, I’m just a frog, 2017, digitaler Ausdruck, Abmessungen variabel


FK: Und natürlich auch noch mal ganz generell zur Tätigkeit als Künstler, was steht neben performativem 24/7 Social Media Shitposting an?

NBD: Seit beginn des COVID-Psychodramas habe ich mich fast ausschließlich mit Innenarchitektur befasst. Als bei einem Projekt dann die Gelder fehlten, um es so zu realisieren, wie ich es mir vorgestellt hatte, bauten Barbara und ich kurzerhand eine komplette Tischlerwerkstatt auf. Barbara hat die Expertise, ich die Geduld. Neben der ständigen Beschäftigung mit der Flut an politischen und gesellschaftlichen Phänomenen—ich kann dem Bildschirmzeit-Bericht auf meinem iPhone immer kaum glauben, wenn er mir angezeigt wird—ist diese physische Aktivität und diese schöpferische Arbeit am Material eine wahre Wohltat. Für 2023 hat NBDBKP eine Podcast-Serie und eine virtuelle Ausstellungsplattform in Planung, an der Du ja maßgeblich beteiligt bist. Das ist aber alles noch nicht spruchreif.

FK: Was treibt NBDBKP an? Was ist die Motivation hinter Eurem multidisziplinären Projekt?

NBD: Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie kollaborative Strukturen entstehen können, durch die man zumindest beginnen kann, gemeinsam und auf konstruktive Art das aktuelle Elend hinter sich zu lassen. Was zurzeit noch fehlt, ist ein effektives Netzwerk aus intellektuell nicht Beeinträchtigten, das erbarmungs- und kompromisslos unwoke ist, dabei seinen Schwerpunkt aber nicht darauf reduziert, anti-woke zu sein. Ein Geflecht aus Intelligenzen und Interessen, dass sich an die große langfristige Aufgabe der Schaffung neuer Institutionen heranarbeitet, jetzt wo die alten schon lange ausgehöhlt und unrettbar sind. In Deutschland ist man ja immer sehr langsam, man kommt hier jetzt erst allmählich im Jahr 2016 an, es wird immer lauter über Wokeness geklagt. Doch Wokeness ist bereits tot, institutionalisiert, nur noch peinlich. Die wahre Gefahr geht von der Verschmelzung von Kommunismus und Corporate Capitalism, vom WEF-Modell der Chinesifizierung des Westens aus.

Niels Betori Diehl, UNTITLED (White Barcelona Chair), 2010,
zwei pulverbeschichtete Stahlstrukturen, Leder, Füllmaterial,
75 cm x 77 cm x 77 cm und 59 cm x 59,5 cm x 39 cm

Wir müssen auch immer klar vor Augen haben, dass bereits zu viel zerstört wurde, was unwiederbringbar ist. Diesen tiefen Schmerz für den Verlust der unglaublichen intellektuellen Errungenschaften der Moderne, den müssen immer mehr Menschen spüren. Und es muss darüber nachgedacht werden, was eine antiautoritäre, unideologisierte und durch und durch individualistische Praxis, die konservative, libertäre und tatsächlich liberale Ideen vereint, heute außer Reaktionen auf das Bestehende Neues zu schaffen vermag. Wir brauchen einen populistischen Intellektualismus, der sich nicht nur vollständig von der Auffassung trennt, es gäbe irgendwann wieder eine Rückkehr in eine vernünftigere Zeit und man könne durch Mäßigung die tiefen Bruchlinien in unseren Gesellschaften wieder kitten: Er muss dies auch mit großer Gelassenheit und unbändiger Freude tun. Wie wir immer wieder sehen, wird die epochale Veränderung—das Ende der kulturmarxistischen Hegemonie—nur durch eine Akzeleration der Degeneration herbeigeführt, durch eine kalkulierte Eskalation, für die wir erst einmal noch mehr woke Idiotie brauchen, nicht weniger. Und wir brauchen vor allem keine Cuckservatives mehr.

FK: Niels, danke Dir vielmals für Deine Zeit und das Gespräch. Wir sehen uns, auf bald!