flip_to_frontHeiligenhäuschen: Becker-Schmitz und Frank Thon

Der Fotograf Frank Thon hat in den vergangenen Monaten mehr als 120 Heiligenhäuschen in den Kreisen Kleve und Wesel aufgesucht. Becker Schmitz hat einzelne Orte medial bespielt. Das Ergebnis dieser Ausflüge ist auf der Webseite das-heiligenhaus.de zu sehen und war die Basis für unser Gespräch über die Verbindung von alten und neuen sowie digitalen und analogen Glaubenssystemen.

fk: Wie findet ihr die Heiligenhäuschen?

ftbs: Zu Beginn war das eher eine Art bewußt machen und verinnerlichen. Dass sie so weit verbreitet sind wurde erst mit der Zeit klar. In erster Linie hat es dazu geführt, erst einmal die Heiligenhäuschen zu rekapitulieren, die Frank kannte. Er hat diese Recherchearbeit sowie die Suche der Orte auf eigene Faust durchgeführt. Durch das Aufsuchen und Dokumentieren der Orte entstanden immer wieder Begegnungen mit Menschen, die auf weitere Standorte verwiesen haben. Zusätzlich gibt es seit Februar die Möglichkeit via Mail Kontakt auf zu nehmen. So wurden uns zahlreiche neue Standorte übermittelt. Überhaupt ist die Resonanz und Wertschätzung, die dieser Arbeit entgegengebracht wird, enorm. Am meisten überrascht und gefreut hat uns ein unaufgeforderter Dankesbrief, des Weihbischofs Lohmann aus Xanten.

fk: Welche Projekte sind aktuell geplant? Gibt es Kooperationen?

ftbs: Seit März arbeiten wir an einer musealen Ausstellungskonzeption. Wir wollen hier sowohl die kulturhistorischen Bezüge aufzeigen als auch unsere künstlerische Konzeption in ein Museum bringen. Es gibt erste Gespräche aber es ist noch zu früh, um einen konkreten Ort und eine Zeit zu benennen.

Auch eine Publikation ist in Arbeit. Im Kern soll es ein Bildband werden, der sich den Fotografien von Frank widmet und die Heiligenhäuser im Stil der neuen deutschen Sachlichkeit dokumentiert. Er soll aber auch einen Blick auf Erbauer und die Geschichten, die hinter den Heiligenhäuschen stehen, aufzeigen. Ein kunsttheoretischer Essay, soll das Phänomen Heiligenhaus diskutieren und neue Betrachtungsweisen befördern.

Hl. Brigitta von Schweden, Foto: Frank Thon
9 von 120 dokumentierten Heiligenhäuschen, Fotos: Frank Thon

fk: Kann man sich für eine Kooperation bewerben?

ftbs: Selbstverständlich! Wir haben erst kürzlich eine Installation in Kranenburg realisiert, die sich mit dem regionalen Bürgerverein ergeben hat. Wir stehen Kooperationen und Ausstellungsorten offen gegenüber und freuen uns auch über neue Impulse und Künstler, die mit uns in Resonanz gehen wollen.

Audioreactive Mapping on Random Woodbars And Matt Mottels is Playing them in Berlin
Audioreactive Mapping On Oilpainting

fk: Kunst, Digitalität und Religion sind drei große Glaubenssysteme. In den von euch bespielten Heiligenhäuschen kommen alle zusammen. Wie geht ihr mit den Ebenen um, welche Bedeutung haben sie für euch?

ftbs: Indem wir Dogmen ablegen und unsere Neugier, Toleranz und Offenheit für alle „Glaubenssysteme“ als Einstieg in ein Erfahren und Erleben für die Sache nutzen. Für Frank und mich ist es ein Prozess der Erweiterung, ohne die Einzelnen „Systeme“ als gut oder schlecht zu verstehen. Nicht nur im Neuen kann etwas Fremdes liegen, auch alte Brauchtümer wie Heiligenhäuschen können uns fremd und seltsam vorkommen. Es geht im wesentlichen darum, sich dem Fremden zu stellen und den Blick zu weiten. Das gilt natürlich auch für neue Technologien, die Becker für die Kunst erprobt und für die langen Wanderungen, die Frank unternimmt, um die Heiligenhäuschen aufzusuchen.

Mapping on Woodbars Kranenburg

fk: Unter anderem schreibt ihr, ihr wollt einen Dialog zwischen jung und alt, fremd und verwurzelt eröffnen. Warum ist euch das wichtig? Wieso seht ihr hier Bedarf?

ftbs: Das klingt erstmal so, als würden wir uns auf diese Punkte beschränken. Vielmehr ist es aber eine Haltung der Offenheit, die wir in dieser Arbeit praktisch erfahrbar machen. Frank als Fotograf und Becker als bildender Künstler gehen hier in eine Art Wechselwirkung miteinander und natürlich mit dem Motiv. Wir leben oft in einer begrenzten „Bubble“ , die uns als Referenz für Wirklichkeit und Wahrheit dient. Diesen Horizont zu erweitern und zu entgrenzen bedarf einer gewissen Motivation und Bereitschaft. So werden die religiösen Kleinstbauwerke zum Anlass für einen Prozess, den man als Dialog zwischen all diesen Komponenten verstehen kann.

An dieser Stelle müssen sich die Leser folgende Situation vorstellen. Schon allein während des Aufbaus kommt man relativ zwanglos mit fremden Menschen ins Gespräch. Plötzlich ergibt sich eine Situation, in der man beobachtet wird wie man einem Ort mit großer Wertschätzung begegnet, der für das Gegenüber eine besondere Bedeutung hat. Das ist dann eine Basis für Dialog, die wir befördern wollen und für die wir tatsächlich auch einen Bedarf sehen. Dem gegenüber stehen ideologischen Grabenkämpfe, die insbesondere auf Internetplattformen wie Facebook etc. stattfinden und überwunden werden müssen. Deshalb ist es wichtig statt hinter der Tastatur das trennende zu forcieren, vor der Haustüre das verbindende zu Suchen.

Random Rectangles Oberhausen

fk: In eurem Text auf der Website beschäftigt ihr euch mit den Widersprüchen unserer Gegenwart die sich unter anderem in lokal und global, digital und analog, Zukunft und Vergangenheit manifestieren. Wie nehmt ihr diese gesellschaftlichen Strömungen derzeit wahr?

ftbs: Es gibt nicht nur die Menschen, die eine posthumanistische KI-Welt postulieren und darauf hinarbeiten. Es gibt auch die, die diese neue Wirklichkeit erkennen und leben, aber auch in ihrem frisch restaurierten Oldtimer um die Ecke kommen und einen Schrank voller Schallplatten zu Hause haben. Die Welt ist und bleibt im Fluss und voller sinnlicher Eindrücke, die wir verarbeiten. Dies war nur ein Beispiel von vielen und die Geschichte zeigt uns in zahlreichen Facetten, dass es eine Form der ästhetische Renaissance gibt. Vielleicht entspringt das einer Romantik und einem Begehren, die scheinbar tief in uns verankert sind. Wobei es ein Blick in die Glaskugel ist, welche ästhetische Strömung sich als nächstes herausstellt. Das ist die Ästhetische Komponente.

Insbesondere für Frank ist auch die soziale Komponente dieser Arbeit wichtig. Hier zeigt sich ein ländlich traditionell geprägtes Motiv, dass sich dem Zeitgeist entzieht und somit zeitlos ist. Die Heiligenhäuschen sind auch Zeugnis für eine Verflachung von Hierarchie, weil die Gläubigen die Heiligenhäuschen aus einem inneren Antrieb heraus bauen. Dies geschieht ohne Weisung von oben. Dennoch finden die Heiligenhäuschen in der Liturgie statt wie zum Beispiel bei einer Prozession die durch die Kirche selbst durchgeführt wird.

Künstlerisch zeigt sich die Faszination für Traditionelles und Neues auch in den Arbeiten von Becker. Die Installationen werden real gebaut und als Scan in einen Datensatz transformiert, der dann als Grafik für eine Licht oder AR-Projektion auf der Installation selbst stattfindet. Jeder Arbeitsschritt ist von Bedeutung und wird zur Bedingung für das finale Werk. Ebenso gilt das für die Fotografie von Frank, der hier ein auf handwerkliches Know-how und eine künstlerische Tradition zurückgreift, wenn er Lichtmessung durchführt und den Bildraum festlegt, bevor er auf den Auslöser drückt.

fk: Was reizt euch an der Verbindung zwischen analoger und digitaler Ästhetik, lässt sich das überhaupt definieren?

ftbs: Bezogen auf die Heiligenhäuschen ist es sogar mehr als das. Hier erleben wir die Verbindung von zwei Menschen die völlig unterschiedliche Ansätze verfolgen und bereit sind, sich aufeinander ein zu lassen. Generell und bezogen auf die Arbeit von Becker lässt es sich wie folgt beschreiben: es gibt einen Rahmen für Präsentationsformen, die eine Rezeptionsästhetik vermitteln können und in diesem speziellen Fall an ein technisches Gerät wie unser Smartphonedisplay oder einem Projektor gebunden sind. Diese Rezeptionsästhetik wird dann ein wichtiger Parameter für die Verwendung und Konzeption in einem Kunstwerk. Aber das ist eine grundsätzliche Angelegenheit, über die wir uns als Kunstschaffende bewusst werden müssen. Jeder Display, ob Leinwand, Plasma oder die Oberfläche einer Skulptur ist immer ein immanenter Bestandteil des Kunstwerks selbst, dass mit uns kommuniziert. Es ist also eine Sichtweise auf die Rezeptionsästhetik und die Bewusstmachung von Materialität, die alles zum Kunstwerk machen kann. Analog wie digital.

RGB-Mapping on Painting and Space Becker Schmitz Studio

fk: Becker Schmitz, du kommst wenn ich das richtig sehe, aus der Malerei, woher stammt die zunehmende Begeisterung fürs Digitale und seit wann geht es bei dir verstärkt in die Richtung?

bs: Ja, ich komme aus der Malerei. Habe aber schon immer interdisziplinäre Projekte verfolgt. Zudem sehe ich mich nicht als Künstler, der digitale Medien oder Digitalisierung selbst zum Inhalt macht.

Ich stelle mich vielmehr einer Wirklichkeit, die mich neugierig macht und frage mich, ob ich eine Sache für die Kunst urbar machen kann. Diese Haltung und Neugier ist also Antrieb, mich mit großer Skepsis und Freude in etwas neues vorzuwagen. Das ich genau in diese Zeit hineingeboren wurde, ist schlichtweg Zufall. Auch in der Malerei habe ich mich stets für Maltechnik und Maltechnologie interessiert und habe einen sehr wissenschaftlichen Blick auf Arbeitsprozesse.

fk: Becker Schmitz, du arbeitest aktuell an einem Projekt für das Lehmbruckmuseum, wie ich auf facebook gesehen habe. Was machst du da und was hat es mit ‚me and my machine’ auf sich?

bs: Me and My Machine ist der Titel für eine Gruppenausstellung, die im Lehbruckmuseum stattfindet. Hier zeigen Künstlerinnen und Künstler eine Ausstellung, die neue digitale Wege in der Kunst erprobt und als eine Bedingung für Skulptur erfahrbar macht.
Ich habe hierfür eine Augmented Reality Projektion mit realen Skulpturen kombiniert.

Installationsansicht Lehmbruckmuseum „me and my machine“

fk: Becker Schmitz, die Farben deiner Bilder näheren sich RGB Farben an. Du experimentierst und arbeitest mit Augmented Reality and Projektionen. Ist Kunst, die nicht leuchtet, überhaupt noch zeitgemäß?

bs: Was zeitgemäß ist, lässt sich immer erst im Nachgang verorten, viel wichtiger ist doch, dass ein Kunstwerk zeitlos ist. Die RGB Farben sind ein Abbild der Gegenwart und fließen auch in meine Malerei ein, weil sie einer Farbästhetik unser Gegenwart entsprechen. Sie sind aber auch ein begrenzter Rahmen, den es zu entgrenzen gilt. Ein direkter Zugang in unsere gegenwärtige Farbwahrnehmung, die sich über digitale Displays etabliert hat aber durch die Malerei und Kunst neu gedacht werden kann. Meine Malerei ist also eine Form des visualisierten Denkens und ich resümiere und entgrenze sie, um aus der platonischen Höhle herauszutreten.

fk: @beckerschmitz und @frankthon: Hypethema NFT. seit ihr dran? Wie steht ihr dazu?

ftbs: Das ist ein Hypethema, ja. Vordergründig sollen so digitale Originale authenifiziert werden. Bei genauerem Blick stellt sich heraus, dass dies eher ein Hebel für den gegenwärtigen Kunstmarkt ist.
Vorerst komme ich zu dem Schluss, dass die NFT Kunst eine begrenzte Kunst ist und nicht dem Erkenntnisgewinn dient, sondern dem Markt.
Nichts desto trotz widme ich mich zur Zeit auch den NFTs und Cryptoprojekten, um diese Kunstform neu zu denken. Ein Kunstprojekt aus Frankfurt finde ich besonders herausragend. Es nennt sich „Dadacoin“, ein Projekt von René Schohe und Il-Jin Atem Choi. Schaut einfach mal vorbei!

fk: Danke Euch vielmals für das Gespräch und die Zeit. Weiterhin viel Erfolg!

Instagram: Becker Schmitz und Frank Thon

flip_to_frontBarbara K. Prokop

Nur selten habe ich bisher einen Künstler, oder in diesem Fall eine Künstlerin getroffen, die sich zu den politischen und ästhetischen Fragen unserer Zeit so klar äußert und deutlich positioniert. Prokops Antworten auf meine Fragen sind schnörkelos, offen, klar und fügen sich damit stringent in ihr künstlerisches Werk ein. Ihre Arbeiten erscheinen im ersten Moment nüchtern, sind aber vor allem einfach knochentrocken, konzeptuell streng bis zum Anschlag, dabei aber – oder vielleicht auch deswegen? – dennoch oft auf subtile Weise witzig.
Gemeinsam mit dem Künstler und Social-Media-Haudrauf Niels Betori Diehl arbeitet sie unter dem Label nbdbkp.
Damit sind hier eigentlich alle relevanten Links gesetzt. Ihr klickt Euch da bitte vertiefend rein und falls Ihr dann an ihrer Arbeit dran bleiben wollt hier noch der link zu ihrem Facebookfeed.

Ansonsten hoffe ich sehr, dass Ihr beim Lesen diese Interviews ebenso viel Vergnügen habt wie ich, als ich es mit ihr führen durfte.

NO ONE HAS THE RIGHT TO BE LIKED, 2021, Pastellkreide auf Papier, Edition von 3, 40 X 30 cm

fk: die nutzung der Arial in deinen arbeiten sticht natürlich sofort ins auge. und da ich sie ja selber konsequent einsetze, meine frage an dich, warum Arial und wie kam es zu der entscheidung für die schrift?

bkp: Ich verwende Helvetica, aber konzeptionell macht das keinen Unterschied. Mir gefällt, dass die Schrift gleichzeitig sehr bold aber auch banal ist. Es ist die Schrift, die man benutzt, wenn man keine Entscheidung treffen will – aber auch die Schrift, die eigentlich immer funktioniert. Als ich angefangen habe, mit Text zu arbeiten, habe ich mich länger mit verschiedenen Schriftarten beschäftigt, weil ich mir dachte, dass ich es mir vielleicht nicht so einfach machen sollte. Letztendlich habe ich mich entschlossen, dass diese Schrift gerade wegen ihrer gewordenen Langweiligkeit und ihrer gleichzeitigen Fähigkeit, einen über den Kopf zu hauen, so sehr in die Gegenwart passt.

fk: hahah, da habe ich mich ja direkt zum einstig mal ordentlich blamiert … 🙂 woher stammt das material für deine skizzen arbeiten, du erwähntest einiges stamme aus onlineshops?

bkp: Ja, die Zeichnungen aus der Serie ITEMS FOR THE GREAT RESET basieren auf Gegenständen, die ich auf AliExpress bestelle und in Skulpturen umdeute. Billige Dinge für eine billige Zeit. 

 ITEMS FOR THE GREAT RESET (SMART NAIL ART), 2021, Pastellkreide auf Papier, Edition von 3, 40 X 30 cm
ITEMS FOR THE GREAT RESET (WATER BOTTLE WITH PILL BOX), 2021, Pastellkreide auf Papier, Edition von 3, 40 X 30 cm
– erhältlich im perisphere Shop –
 ITEMS FOR THE GREAT RESET (DOOR OPENER), 2021, pastel on paper, edition of 3, 40 X 30 cm

fk: deine arbeiten thematisieren aktuelle wende- und grenzpunkte der zeitgenössischen wirklichkeit. so etwa die us-wahl, oder auch die unterschiedlichen interpretationen des von Klaus Schwaab in die welt gesetzten begriffs des ‚Great Reset‘. wie nimmst du diese ereignisse wahr? was reizt dich an ihnen?

bkp: Ich wollte Künstler werden, weil ich dachte, dass ich dann alles hinterfragen und auf den Kopf stellen könnte. Andere Zeiten. Heute wird man Künstler, weil man Aktivist sein will. Von Anfang an habe ich immer instinktiv das gemacht, was ich eigentlich nicht hätte tun dürfen. Sehr oft wurde mir das erst im Nachhinein klar. Ich fing früh an, zu bemerken, dass das Spektrum von dem, was ich nicht machen durfte, immer größer wurde, und dass das, was erwünscht und gefördert wurde, nicht das war, was mich interessierte. Da habe ich erst versucht, mich für das eine oder andere Modethema zu begeistern – oder zumindest habe ich versucht, zu verstehen, was an dem Thema möglicherweise dran war. Mir wurde aber auch immer stärker bewusst, dass das, was von mir erwartet wird, eine Art Propagandakunst ist, und dagegen habe ich eine wahnsinnige Allergie. Kunst muss die aktuelle Zeit erfassen, aber sich deshalb auch mit ihrem historischen Kontext auseinandersetzen, um im Idealfall heute wie in 200 Jahren relevant zu sein. In Bezug auf Deine Frage, beschäftige ich mich seit einiger Zeit sehr intensiv mit dem, was gerade in den USA passiert. Seit der letzten Wahl ist das so spannend und wahnsinnig, dass Netflix eigentlich dicht machen kann! Mein Interesse dafür hat begonnen, weil ich mich für Strategien interessierte, wie mit Cancel Culture umgegangen werden kann. Die Amerikaner können das gut, und da ich und Niels Betori Diehl, mit dem ich unter dem Akronym NBDBKP zusammenarbeite, auf verschiedenen Ebenen immer wieder Begegnungen mit Cancel Culture hatten – schon lange bevor der Begriff allgegenwärtig wurde – war dieser Blick auf die USA sehr erfrischend. Als Künstler finde ich diese Debatte überhaupt das Wichtigste: Man kann nicht arbeiten, wenn man nicht frei reden darf. Die Kunst muss heute als wirklich letzter Ort, an dem man noch irgendetwas sagen kann, erhalten bleiben. Ansonsten ist es überall korrekt und kastriert geworden, und das ist der tot von allem. So habe ich mich auf die Untersuchung der Medien und deren Mechanismen der Meinungsbildung gestürzt, und auf die Durchforstung der alternativen Medien. Von meiner linksliberalen kanadischen Artigkeit hatte ich mich eh schon lange verabschiedet, und so konnte ich einen Mengen Spaß haben. 

A VOTE FOR BIDEN, 2021, Pastellkreide auf Papier, Edition von 3, 60 X 40 cm

fk: deine abeiten thematisieren politische ereignisse und prozesse, was hälst du generell von politischer kunst?

bkp: Ich finde politische Kunst super, wenn sie einem nicht vermitteln will, was man zu denken hat. Wenn sie unbequeme Fragen stellt und den Betrachter selbst zum Denken auffordert. Die meiste „politische Kunst” gibt nicht nur die Richtung an, sondern auch genau, wo der Betrachter hin soll. Das ist nicht nur langweilig, sondern auch unethisch. Ich beschäftigt mich schon von Anfang an damit, was es eigentlich bedeutet, politische Kunst zu machen, wer die Macht besitzt, etwas zu sagen, und wie man überhaupt politische Kunst machen kann, wenn alle in die gleiche Richtung denken. Bereits vor 15 Jahren habe ich versucht, “rechte“ Kunst zu machen – etwas ziemlich Unmögliches, weil so etwas immer als linke Kritik von rechts gelesen wird. Kunst von rechts ist gar nicht vorgesehen. Damals empfand ich es eher als Spaß, jetzt aber finde ich es einfach nur schrecklich, dass wir alle dazu genötigt werden, in die gleiche Richtung zu marschieren. Die viel beschworene Diversität schneidet letztendlich in der Kunst ganz schlecht ab, denn was nutzen uns die unterschiedlichen Hauttöne, die unterschiedlichen Pronomen, oder die 300 Genderidentitäten, mit denen wir ins Bett gehen können, wenn am Ende alle das gleiche denken? 

TRUST US, 2021, Pastellkreide auf Papier, Edition von 3, 40 X 30 cm 

fk: wir erleben seit einiger zeit eine starke repolitisierung von kunst, und in diesem zusammenhang eine sehr offensive nutzung von kunstfreiheit um ideologische botschaften zu vermitteln. wie nimmst du diese politisierung des kunstbetriebs wahr? ist das für dich von relevanz?

bkp: Das ist gerade das größte Problem. Als ich Kunst studierte, kam ich irgendwann zu dem Punkt, zu dem wahrscheinlich die meisten Künstler irgendwann kommen, wo ich mich fragte, ob der Beitrag, den ich durch Kunst leisten kann, groß genug ist. Mit der Frage habe ich mich jedoch nur ziemlich kurz beschäftigt. Mein Schluss war, dass ich Kunst an und für sich sehr wichtig finde. Mir scheint es als ob viele Künstler bei der Frage stecken geblieben sind. Das ist aber nur Teil des Problems. Das andere, viel größere Problem, hat mehr mit dem Kunstbetrieb zu tun: Einfach zu verstehende, woke Gutmenschenkunst verkauft sich auf allen Ebenen gut, und daher ist es auch eine solche Herausforderung, diesen Reflex, sich ihr zu verschreiben, loszuwerden. Künstler, die aus bürgerlichem Hause kommen, können das Gefühl genießen, einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, befreit von der Schuld, nicht etwas sozial Relevanteres zu tun. Die öffentlichen Förderstellen freuen sich dabei, jemanden zu haben, der für sie die notwendig Arbeit der politischen Propaganda übernimmt, die ja deren Daseinsberechtigung darstellt. Und während Cancel Culture die Gelegenheit bietet, jemand anderen zum Beispiel als Rassisten hinzustellen, um die eigene fragwürdige Vergangenheit zu verbergen, bietet der Markt woke Kunst geradezu als Instrument an, um die eigene Unschuld zu bekunden. Das hat etwas Unheimliches. Was das mit der Kunst macht, kann man am besten bei der Documenta beobachten, aber auch auf den zahlreichen Biennalen, wo vorhersehbar jedes Thema abgehakt wird und sichergestellt wird, dass sich bloß niemand traut, das Ganze infrage zu stellen, da die wenigsten sich leisten können, doch auch irgendwie als rassistisch oder sexistisch oder homophob zu gelten. Wir leben in einer Zeit, in der Macht nach vermeintlichem Opferstatus verteilt wird, und das natürlich auch nur an der Oberfläche. Die Kunstwelt fördert gerne eine Zeit lang jene, die sie als Opfer verstehen wollen und als solche taugen. Nicht allzu lange dauert es aber, bis ihre Opfergruppe nach ein paar Ausstellungen und ein paar trendy Parties wieder in die Ecke geschoben wird, weil jetzt die nächste Gruppe an der Reihe ist. Kunst ist nicht nett, soll sie auch nicht sein. Sie soll herausfordernd und kompromisslos sein, und nicht jeder soll sie gleich verstehen können. Es muss schon genügend Arbeit hineingesteckt werden, um sich einen Zugang zu erlangen. Kunst soll uns weiterbringen, aber in ihrer aktuellen Rolle als pseudo-politische Pseudokunst kann sie dies keineswegs. 

fk: welche quellen nutzt du um das geschehen in den USA aktuell zu verfolgen? hast du ein paar gute links und tips für uns?

bkp: Haha, ja gerne. Ich höre mir viele Podcasts, Interviews und Analysen an. Ich versuche, mir nie nur Clips anzuschauen und mir wirklich das ganze Segment anzuhören. Ich verschaffe mir dadurch einen genaueren Einblick in die Leute, die im Mainstream als problematisch gelten. Ich habe mit The Rubin Report angefangen, ich empfehle ihn auch heute noch als Einstieg. Inzwischen ist sein Beitrag zur Erweiterung der Debatte schon fast historisch: Vor fünf Jahren begann sich der schwule kalifornische Liberal Dave Rubin gerade vom progressiven Lager abzuwenden und aus seiner Garage, die er als Fernsehstudio umfunktioniert hatte, Interviews mit Figuren zu führen, die als „Alt-Right“ verschrien wurden. Momentan folge ich regelmäßig James Lindsay, Tucker Carlson Tonight und The Mark Levin Show über Facebook oder YouTube, Andy Ngo auf Twitter, und den Podcasts The Ben Shapiro Show, The Jordan B. Peterson PodcastRudy Giuliani’s Common SenseThe Megyn Kelly Show, Candace Owens’ Podcast CandaceVerdict with Ted CruzThe National Pulse with Raheem KassamThe Ayaan Hirsi Ali PodcastThe Larry Elder Show, Glenn Loury und John McWorther auf The Glenn Show, Gad Saad auf The Saad Truth und, nicht zuletzt, Bannon’s War Room. Was man sofort bemerkt, wenn man sich mit „der anderen Seite“ beschäftigt, ist, wie offen und entspannt die Leute sind. Sie versuchen sich nicht gegenseitig zu zerstören oder zu entblößen. Wenn sie ein Interview mit jemandem führen, der gerade frisch dem Aggro-Linken-Milieu entflohen ist, müssen sie die Person erst einmal beruhigen und ihr klar machen, dass sie über alles offen sprechen darf, ohne attackiert zu werden. 

On earth for 36 hours and stuck to a wall. 2018, 20×15 cm

fk: zuweilen frage ich mich ob die kategorien links/rechts überhaupt noch greifen. es ist ja manchmal gerade so als würde man alles im spiegel betrachten müssen um es richtig erkenne zu können. aber lassen wir die meta-ebene mal beiseite, im großen und ganzen verstehe ich etwa worauf du hinaus willst. was mich interessieren würde, was könnte eine „rechte“ kunst ausmachen? ich weiß, das ist schwer zu beantworten, aber eventuell lohnt sich der versuch. lassen sich merkmale dafür finden, sind es themen oder könnte es auch eine ästhetik der rechten kunst geben?

bkp: Ich empfinde Kategorien von Rechts und Links schon länger nicht mehr als zutreffend, und es erscheint mir eher altmodisch, in diesen reinen Kategorien zu denken. Man muss auch die unterschiedlichen Kontexte und die historischen Hintergründe unterschiedlicher Gesellschaften verstehen, bevor man überhaupt beginnen kann, mit solch groben Begriffen zu operieren. Was man in Europa unter Links versteht ist nicht unbedingt das, was man in den USA darunter versteht, oder zumindest bis vor kurzem verstanden hat, als Linke noch eine liberale Haltung vertraten. Bis vor kurzem verband man dort Links noch mit den Hippies und Punks der Sechziger und Siebziger, mit einem irgendwie sympathischen und unschuldigen Aussenseitertum. Jetzt, mit der allgegenwärtigen Cancel Culture und der aggressiven Kultur der Wokeness, nähern wir uns schon den Experimente an, die im 20. Jahrhundert für mehr Tod und Leiden gesorgt haben als irgendeine andere Ideologie in der Geschichte. Zensur und Selbstzensur gehören mittlerweile in den USA zum Mainstream, und wie immer geht es um Macht und Unterwerfung Andersdenkender. Das Positive, das sich daraus entwickelt, ist ein stetig wachsendes Sammelbecken all derer, die sich gegen autoritäre Tendenzen äußern. Von ihnen sind übrigens viele links, prominente Beispiele sind Glenn Greenwald oder Bari Weiss. Man sollte sich heute überhaupt fragen, was es bedeutet, rechts zu sein. Rechts- und Linkssein hängt schon etwas davon ab, wo man gerade steht. Für die, die weit links stehen, ist so ziemlich alles rechts. In der Kunst wird längst nicht mehr hinterfragt – zumindest nicht öffentlich –, ob Rechts tatsächlich schlecht ist oder ob man vielleicht nicht beide Konzepte in einer Demokratie bräuchte. Rechts ist der Feind, und dagegen wird gekämpft. Aus dieser Kunst, die sich in erster Linie als politisches Instrument betrachtet, hat sich eine bestimmte Ästhetik herausgebildet, die sich kritisch gibt, dabei jedoch konsensverstärkend wirkt. Daher wird es nur dann spannend, wenn Kunst die dominante Ideologie ablehnt. Dann kommen dabei auch andere Ästhetiken raus. Als Denkexperiment finde ich es durchaus interessant, abzuwägen, ob es rechte Kunst geben kann, aber rechte Kunst würde ich genauso ablehnen wie linke Kunst. Kunst soll mit Konzepten spielen und sich nicht festbeißen, sonst wird sie zur Propaganda.

fk: die in meinen augen eventuell machtvollstes verschiebung derzeit geschieht wohl im netz rund um das thema NFT. blockchain und die cryptoszene waren und sind stark dominiert durch eine radikal libertäre idee von welt und märkten. ich frage mich ob hier eventuell eine gegenbewegung zu dem sich links gebenden tribalistischen kollektivismus entstehen könnte, wie nimmst du das thema wahr?

bkp: Es war schon länger klar dass zentralisierte Macht im Internet ein Problem darstellt. Jeder, der nicht brav im Mainstream mitschwimmt, kennt jemanden, der zum Beispiel schon einmal mit Zensur in den sozialen Medien konfrontiert worden ist. Aber spätestens seit Donald Trump als ehemaliger amerikanischer Präsident von allen populären sozialen Medien verbannt wurde und dann der Plattform Parler noch aufgrund ihres Einsatzes für  Redefreiheit von Amazon der Garaus gemacht wurde, ist die Lage ernst. Was auch immer man von Trump hält, muss man es ablehnen, wenn eine Handvoll Unternehmen die Macht besitzen, einem Präsidenten und gleich dazu vielen Vertretern der zweiten Partei im Land die Kommunikationskanäle abzuschalten. Das ist keine Demokratie mehr. Daran sieht man, dass es logisch und auch notwendig ist, dass sich die digitale Welt in Zukunft dezentraler gestaltet. Ich bin einerseits optimistisch, dass eine Pluralität der Macht sich positiv auswirken wird, aber das allein wird nicht helfen, den tribalistischen Kollektivismus zu überkommen. Die Leute bleiben weiterhin in ihren Echokammern. Ich glaube, dass schlechte Ideen nur durch ein Aufeinanderfolgen von Crash and Burn entkräftet werden können, aber die Anzahl derer, die dies erkennen können und den Mund aufmachen, muss wachsen.

NOT ALL ARTISTS WANT TO BE DICTATORS BUT A LOT DO, 2021, Pastellkreide auf Papier, Edition von 3, 40 X 30 cm
erhältlich im perisphere Shop

fk: lange zeit habe ich die linke als einen ort wahrgenommen, an dem autonomie und die freiheit des individuums verteidigt wurde. aus heutiger perspektive erscheint das teilweise fast schon absurd. war das illusion und täuschung oder hat sich da etwas fundamentales verschoben?

bkp: Das ist eine wichtige Frage. Ich würde sagen, dass es sich ganz stark verschoben hat heute, im Verhältnis dazu, wer damals links war – nicht im Sinne von Linksaußen. Bis dahin, wo Linkssein als etwas verstanden wird, bei dem es gilt, dass man sich gegenseitig in Ruhe lässt, kann ich mitgehen, aber eine solche Haltung würde man heute als konservativ bezeichnen. Das ist für viele schwierig zu akzeptieren: Links klingt netter, progressiv klingt vorwärtsgewandt, konservativ klingt mindestens altmodisch und spießig, wenn nicht nach etwas Schlimmeren. Wenn man aber nicht will, dass sich am Ende sehr schlechte Ideen durchsetzen, sollte man im Zweifelsfall eher dorthin. Die spannendere Frage wäre, ob links grundsätzlich totalitär ist. Wie man an Religionen sieht – und die woke Linke gleicht ja einer religiösen Sekte –, endet man immer mit einem autoritären Regime, wenn man einem Konzept 100-prozentig folgt. Keine Idee sollte sich zu 100-Prozent durchsetzen. Im Idealfall vertraut man den Individuen, dass sie sich aus den unterschiedlichen Konzepten das nehmen, was für sie gut ist.   

fk: wenn ich mich so im klassisch rechten und rechtskonservativen spektrum umsehe dann scheint mir da eher wenig interesse an zeitgenössisches kunst vorhanden zu sein. das dort vorgeschobene wirkt oft doch sehr trocken, preussisch, ideologisch funktional und ästhetisch eher beim klassischen naturalismus verblieben. wie ist deine wahrnehmung dazu?

bkp: Das linke Spektrum hat die Kultur seit Dekaden fest im Griff. Das ist etwas, dass Konservativen zu spät gemerkt haben. Jetzt haben sie es aber sehr wohl gemerkt und versuchen, etwas in diese Richtung zu tun, aber das wird dauern. Sie sind oft gar nicht gebildet, was Kunst betrifft, weil Kunst schon lange nur ein gewisses, ideologisch geprägtes Publikum anspricht. Damit sich das ändert, bräuchte man beispielsweise Professoren, die Kunst wieder politisch neutral unterrichten, sodass zumindest die neuen Generationen weg von diesem linken Kitsch kommen können. Ironischerweise ist Cancel Culture das Beste, was Kunst und Kultur generell passieren konnte: Jetzt muss sich gezwungenermaßen etwas Neues in der Mitte bilden. Ich hoffe aber nicht auf eine rechte Kunst, ich hoffe auf eine (auch politisch) diverse Kunst.

fk: kunst, kultur und medien sind derzeit ziemlich stark dominiert durch ein tendenziell linkspolitisches denken, insbesondere die grünen haben hier im vorpolitischen raum in den letzten jahren wirklich ganze arbeit geleistet und fahre die ernte nun zurecht ein. die dominanz in den strukturen ist stark und aktuell scheint sich da auch wenig zu ändern. wie siehst du das perspektivisch? wird kunst, die sich nicht in die ideologischen schemata einfügt, in zukunft ein nischendasein führen? 

bkp: Ich glaube es wird irgendwann einen großen Knall geben, man sieht schon Anzeichen dafür in Deutschland, so wie man sie in der USA sieht. Die grüne Mafia in Deutschland hat ja einen historischen Hintergrund, diese Obsession mit der Natur ist eine urdeutsche Sache. Ich sehe es zum Teil aber auch als eine Art seelische Wiedergutmachung für das Grauen der Vergangenheit, was dann aber gleichzeitig ein Wegschauen von dem, was eigentlich infrage gestellt werden sollte, ist. Die Welt ist kompliziert und ein gut gemeinter Ansatz führt bekanntlich nicht unbedingt zu einem guten Ergebnis. Man sieht es ja in der sogenannten Energiewende oder in unterschiedlichen EU-Richtlinien, die entweder nicht viel bringen oder eigentlich das Gegenteil von dem bewirken, was intendiert war. Und natürlich, wie so oft, manipulieren die Medien zu sehr und machen alles noch viel schlimmer. Kunst, die sich nicht fügt, wird nicht erst zu einem Nischendasein verdammt, das ist sie schon längst. Aber vielleicht war es ja auch immer schon so, dass echte Kunst nur in Nischen zu finden ist.

fk: vielen dank für deine zeit!

bkp: Danke für deine Fragen.

FOR A MINUTE NO ONE HAD THE ANSWERS, 2020, Pastellkreide auf Papier, 210 X 165 cm

NFTs – Technologiebasierte Einzigartigkeiten als Antikunst

Mit dem Phänomen der Nonfungible Tokens, kurz NFTs, entsteht neben dem etablierten Sozialsystem Kunst eine neue, technologische Infrastruktur, welche in der Lage ist zentrale Aufgaben des Kunstsystems anonym und effizient zu organisieren: Zum einen die fälschungssichere Beglaubigung von Original, Einzigartigkeit und den Besitzverhältnissen von Kunst und zum anderen darüber hinaus die Generierung der Aura des original Kunstwerks im digitalen Raum des Internets.

Kennen sie diesen Mann hier? Vor etwas mehr als 20 Jahren wurde er von der Mehrheit der damals etablierten Händler für seine merkwürdige Idee belächelt Bücher über das Internet verkaufen zu wollen. Nun 2021 da der Einzelhandel darbt und die Innenstädte veröden, ist den allermeisten seiner damaligen Spötter das Lächeln vergangen, während sein Unternehmen vor Kraft kaum laufen kann weil die Gewinne nur so sprudeln. Der Rest ist Geschichte, die sich zwar nicht eins zu eins wiederholt, aus der man aber dennoch lernen kann, wenn man denn möchte. Und ich bin der Meinung die aktuellen NFT-Spötter unter den Künstlern und in den Institutionen des Kunstsystems, die mit dem Festhalten an Aura, Original und Unikat lange Zeit erfolgreich ihre Bastionen gegenüber den Disruptitionskräften der kapitalistischen Digitalisierung verteidigen konnten, sollten dies tun. Zumindest aber, so glaube ich, sollte man sich dort einmal mit der Frage beschäftigen, ob man sich in ein paar Jahren nicht vielleicht doch auch in einer ähnlichen Situation befinden könnten, wie es etwa der lokale Einzelhandel in Bezug auf dem Ecommerce heute ist.

Mit dem Erscheinen von NFTs auf der digitalen Bühne ist neben den etablierten Händlern, Messen und Museen nun ein ganz neuer Player erschienen, der nicht nur den Kunsthandel revolutionieren, sondern auch die etablierten Mechanismen der Kunstwerdung und Setzung nachhaltig umgestalten könnte. Denn NFTs sind mehr als Bezahl- und Verwaltungssystem, die Idee dahinter verfügt über eine im Kapitalismus herausragende Macht, die offiziell den Künstlern, in Realität aber dem komplexen sozialen System der Kunst vorbehalten war: NFTs sind in der Lage im Zusammenspiel aus Kryptogeld, Blockchain und Publikumsnachfrage einzigartige Entitäten, sprich Originale, zu beglaubigen. Das auch noch ausgerechnet dort, wo bis vor Kurzem nur die unendliche verlustfreie Reproduzierbarkeit vorherrschte, im Netz. NFTs erschaffen blockchainbasierte Einzigartigkeiten und definieren neu was echt und was falsch ist, vor allem aber wem das gehört.

Damit ist relativ unbemerkt neben dem sozialen Kunstsystem ein weiteres technosoziales System entstanden welches in der Lage ist distinkte, unveränderliche und darüber hinaus fälschungssichere Zustände aus der Masse der gleichen Dinge heraus zu erschaffen. Und während es zu Beginn der industriellen Revolution noch die Künstler waren die sich dieses Privileg durch geschickte Schachzüge sicherten, definiert dies nun der Mark in seiner reinsten Form, in dem dieser sich in Form von fälschungssicheren Unikate im wahrsten Sinne des Wortes in die Blockchain einschreibt.


https://the-alpha-and-the-omega.com, Florian Kuhlmann, 2016

Die Frage die sich nun stellt, ist wie sich das neue System in das Bestehende einfügt, ob es sich überhaupt einfügt, ob es eine Koexistenz geben kann oder ob es nicht doch, wie aktuell im Einzelhandel zu beobachten, zu einer brutalen Verdrängung kommen wird.
All denen die nun müde lächelnd meinen das könne ganz sicher niemals passieren, weil Kunst ja etwas ganz eigenes mit besonderen und sehr speziellen Regeln sei, dem möchte ich noch einmal kurz diesen Herrn in Erinnerung rufen, hier auf diesem Bild zu sehen vor seiner Zeitung, der altehrwürdigen Washington Post die er aus der Amazon Portokasse zum Gegenwert von schlappen 3,67 ‚BEEPLE – THE FIRST 5000 DAYS‘ erworben hatte.

Und auch wenn der aktuelle NFT-Hype den Weg aller Hypes und damit sicherlich noch Mal zurückgehen wird, so wird das Thema dann im zweiten Schub mit voller Kraft zurück kehren. Ich wage die These, dass es auch hier mit der Digitalisierung genauso laufen wird, wie es mit allen Digitalisierungsschüben der letzten 30 Jahre lief: das Bestehende wird zumindest teifgreifend transformiert, nicht selten aber auch verdrängt.
Spätestens seit diesem Jahr 2021 hat die Sache massive an Fahrt aufgenommen und wird wohl – so ist zumindest meine und die allgemeine Einschätzung in meiner Bubble – bleiben. Die Blockchain Technologie und damit die darauf basierenden NFTs haben sich aus einem Nischendasein in das breite Bewusstsein hinein entwickelt, vorangetrieben natürlich durch die extreme Wertsteigerungen des Bitcoin, befeuert durch darauf basierende unglaubliche Spekulationsgewinne mit Cryptowährungen, sowie einem gleichzeitig erodierenden Vertrauen in die Verlässlichkeit und Handlungsfähigkeit von Staaten, Zentralbanken und den zugehörigen Institutionen. Und dieser Vertrauensverlust in Politik und Institutionen, kombiniert mit der steten Lust an der schöpferischen Zerstörung und darauf basierender Gewinne wird die Suche nach Alternativen auch in den kommenden Jahren weiter vorantreiben.
Gleichzeitig wird die Blockchain Technologie in Verbindung mit Internetprojekten wie Elon Musks Starlink vor allem in Dritte Welt Staaten und Schwellenländern ihre Kraft entfalten, in dem dort auf einmal die Möglichkeit entsteht Eigentumsverhältnisse zu organisieren wo dies vorher nicht möglich gewesen ist.
So haben nach Angaben der Weltbank mindestens 50 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung kein Bankkonto und damit keine Möglichkeit, ihr Geld zu schützen. Gleichzeitig verfügen nur etwa über 113 Millionen Menschen über eine Bankkarte. Im Vergleich zum Internet, mit dem 387,2 Millionen Menschen täglich verbunden sind. In solchen Konstellationen macht Blockchain und Fintec nämlich durchaus Sinne und erfährt damit natürlich auch die notwendige Akzeptanz.
Während der Kapitalismus in den Hochtechnologienationen in den kommenden Jahren wohl eher einer kollektivistischen Transformation unterliegt, werden die Regionen der Schwellenländer weiter ihr Glück in Wirtschaftswachstum und einer prosperierenden Ökonomie suchen. Nicht auszuschließen ist dabei, das Projekte wie Dekolonialisierung von Kunst im Zusammenhang mit der Blockchain die nächste Generation von NFT-Künstler in Äthiopien, Bangladesch oder im Amazonas Urwald heranreifen lässt, während die klassische westliche Kunst mit dem verschwindenden Einfluss des Bürgertums in Europa und USA eher ein Nischendasein fristen wird bzw sich immer stärker mit dem Feld des politischen Aktivismus vermengt und eventuell darin auflöst, so wie Wolfgang Ullrich das bereits in seinem Essay zu einem möglichen Schisma der Kunst treffend beschrieben hatte.

Mit der Entwicklung der NFTs etablieren sich nun Strukturen, die Abseits und unabhängig vom Kunstsystem mit seinen komplexen sozialen und politischen Regeln in der Lage sind, Unikate zu beglaubigen und damit zu erzeugen. Natürlich ist die damit verbundene Vorstellung einer angeblichen Demokratisierung von Kunst propagandistischer Unsinn, wird damit nicht jeder zum Künstler und nicht alles zur Kunst (das hatten wir ja schon). Aber jeder Internet User mit ausreichend sozialem Kapital, Followerpower und Reichweite, wird nun zum potentiellen Erzeuger von digitalen Originalen und zwar ganz ohne sich dem elitären Dünkel, den komplizierten Netzwerken der Kunstwelt andienen zu müssen – (hello again Autonomieversprechen). Museumsdirektoren, Kuratoren, Galeristen und andere Gatekeeper des Kunstbetriebs haben aktuell keinen oder wenn dann nur wenig EInfluss auf die Wertschöpfungs- und Werdungsprozesse der NFT-Welt, es wird sich zeigen wem es gelingt hier einen Fuß in die Tür zu bekommen, so wie es etwa der Galerist Johann König zusammen mit der Kuratorin und Kritikerin Anika Meier aktuell versucht hat.

Es bleibt abzuwarten wie sich all das weiter entwickelt und wer in diesem Spiel in Zukunft die Regeln gestalten kann, und natürlich werden sich auch hier neue Machtstrukturen herausbilden die definieren wollen was gut und was schlecht ist. Die entscheidende Frage für die Protagonisten des etablierten Kuntssystems ist aber ob es zu einer Synthese aus dem Etablierten und dem neuen digitalen Sytem kommen wird, oder ob es auf einen Wett- und Verdrängungswettbewerb hinaus läuft.
Denn es ist nicht auszuschliessen, dass sich der ästhetische Wert der NFT-gehandelten Werke auch aus der Ablehnung von Seiten des etablierten Kunstsystems speist, dass Kyptowerke also gerade deshalb so erfolgreich sind, weil sie nicht Kunst sein wollen. Neu wäre es nicht, die Kunstgeschichte ist voll von diesen Brüchen zwischen Kunst und Antikunst.

Dem Wesen der Kunst selber ist all das natürlich erstmal gleich, es wird in irgendeiner ästhetischen Form überdauern, sich anpassen und sich auch in Zukunft immer wieder dahingehend neu erfinden, in dem Kunst eben die Formen annimmt die den Umständen und Anforderungen der Zeitgenossen entsprechen. Dem aktuellen Kunstsystem, den Institutionen und den darin agierenden Protagonisten die zur Subsistenzsicherung auch in Zukunft auf die bestehenden etablierten Machtstrukturen angewiesen sind, kann all das aber vielleicht doch nicht ganz so gleichgültig sein, sie müssen sich wahrscheinlich in irgendeiner Form mit diesem Wandel auseindersetzen wenn sie überleben wollen.

Vielleicht werden sich Sehgewohnheiten in ganz banaler Weise ändern und nur das noch ästhetisch, visuell reizvoll erscheinen was vom Licht der Displays erleuchtet wird, oder vielleicht wird bald nur das noch einen Wert haben was inhaltlich die Narrative und Kontexte der Netz, Krypto und Gamingkultur reflektiert, weil eben das die Kontexte sind in denen sich unser hybrider Alltag nun abspielt.

ART LOOK MUCH BETTER ON, Florian Kuhlmann im Museum der bildenden Künste, Leipzig, „Link In Bio“, 20219


Sollte eine Koexistenz der beiden Systeme nicht funktionieren, scheint das technologiebasierte NFT-System aktuell im Vorteil, benötigt es doch nicht die komplexen sozialen Interaktionen der Kunstwerdung um Originale zu erzeugen, sondern schafft diese eben direkt global zugänglich im Netz, dort wo der Markt sie von überall aus annehmen kann.

Abschließen bleibt anzumerken, dass Kunst und Kunstmarkt natürlich nicht immer gleich zu setzen sind, dass es durchaus interessante, wichtige künstlerische Werke, Ästhetiken, Programme und Prozesse gibt, die nicht vom Markt erschlossen sind, sich ich auch nicht erschließen lassen, und dass wie hier eben nicht über das bereits so oft angekündigte Ende der Kunst sprechen. Auch über die ästhetische Bewertung inklusive der zugehörigen Narrative und Kontexte der NFT-gehandelten Werke, inklusive der Frage ob diese Kunst sind – Spoiler: ja sie sind es weil sie als solche von Menschen anerkannt werden – ist natürlich separat zu diskutieren.
Wenn es aber darum geht zu definieren welche zeitgenössische Kunst die wertvolle und damit eben doch in den allermeisten Fällen die gemeinhin relevante ist, kommen wir um den Markt mit seinen besonderen Regeln nicht umhin. Und diese Regeln basieren maßgeblich auf dem Faktor der Einzigartigkeit und der Idees der Aura des Originals, die nirgends so ausgeprägt war wie in der Kunst, was wiederum kontrollierte Knappheit garantierte, den etablierten Gatekeepern die Macht sicherte und zu exorbitanten Preisen führte. Dieses Privileg der Verknappung von Unikaten, garantiert durch das einzigartige Wesen des sozialen Systems der Kunst steht nun aber zumindest zur Disposition.

fk im juni 2021