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Ein Facebook Interview mit Philipp Meier – 96 Jahre Dada

Florian Kuhlmann‬Philipp Meier 20. Februar um 15:11 in der Nähe von Düsseldorf
Internet und Digitalisierung führen aktuelle zu einem rasanten Veränderungen unserer Kommunikation, der Medien und unseres Umgangs damit. Du und das Cabaret Voltaire nutzen das Medium recht intensiv. Welche Rolle spielt das Netz für Euch und für #Postdada?

Philipp Meier die dadaisten druckten ihre eigenen flyer, plakate und magazine. sie suchten die nähe zu einem kunstfernen publikum. es gehört also zu postdada, neue kommunikationskanäle und -plattformen zu nutzen und zu beobachten, was möglich ist und wie damit gespielt werden könnte. wir gehen dabei ziemlich unstrategisch vor…; füttern unseren blog (dessen einträge umgehend auf fb und twttr landen) und die diversen fb-accounts und -pages.

aktuell beobachte ich vermehrt anonymous. die ziemlich unberechenbare, anarchistische schwarmstruktur fasziniert mich sehr. umgekehrt interessiert mich jedoch auch, welche auswirkungen «das internet» auf unsere reale gesellschaft hat. hier sind wir im moment mit MacGhillie am aktivsten…

Florian Kuhlmann danke. habe es auch als reminder genommen mich endlich mal mit mac ghilie zu befreunden… 🙂

Florian Kuhlmann‬ Philipp Meier 20. Februar um 15:11 in der Nähe von Düsseldorf
Kürzlich habt ihr die Kunstfigur Mac Ghilie im Cabaret Voltaire präsentiert. Das Video davon ist online zu sehen, man sieht Mac Ghilie vor einem Publikum im Raum agieren. Dabei sind die Rollen im Raum eigentlich wieder recht klassisch verteilt, Mac Ghilie macht auf einer Bühne eine Art Performance, das Publikum schaut dabei zu. Widerpricht das nicht eigentlich der ursprünglichen Idee von Mac Ghilie?


Philipp Meier ha! du hast nicht zugehört, was ich zu meiner präsentation von MacGhillie sagte. es war eben gerade keine(!) kunstperformance. also, hier nochmals der link…

Florian Kuhlmann da habe ich mich in der tat nicht ganz korrekt vorbereitet, entschuldige bitte dafür. ich habe das aber nun zum anlass genommen und mir das video komplett angeschaut und kann jetzt auch nachvollziehen warum das nun keine kunstperformance sein muss. ich bin mir aber nach wie vor nicht ganz sicher, ob das am ende nicht auch ein bißchen wortklauberei ist.
denn egal ob kunst oder nicht, das setting am anfang ist doch vergleichsweise klassisch… da deine erläuterungen ja nun sehr mitreißend und deutlich sind, frage ich mich ob es notwendig ist Mac Ghilie so zu präsentieren oder ob man dem nicht auch widerstehen könnte. was meinst du?

Hercules Brecht · 3 gemeinsame Freunde Es gibt Leute, die haben das seltene Talent, Kunst so zu vemitteln, dass einem das Gesicht einschläft. Erfinderisch sind sie höchstens im Ausreden finden. Das dürfte jedoch im Interesse der Obrigkeit sein.

Florian Kuhlmann vereehrter brecht, dein kommentar ist sicherlich nicht verkehrt, hat aber imho so einen latent aggressiven unterton. würdest du uns eventuell aufklären was das für leute sind von denen du sprichst? so ganz bekomme ich den zusammenhang noch nicht hin.

Philipp Meier @florian: womit wir in einem gewissen sinne wieder bei deiner ersten frage gelandet wären; wollen wir (und/oder unsere projekte, ideen, kategorien, etc.) verstanden werden oder nicht. ich machte die erfahrung, auch auf deine erste frage bezogen, dass wir tendenziell zu wenig erklären. global gesehen (und das ist unser massstab;) bleibt diese art von vermittlung in einem ganz kleinen kreis von leuten…; und mir fällt es leichter, postdada anhand von einem beispiel zu erklären (und sich wiederholen hilft…;) im oben geposteten video bleiben viele weitere bezugspunkte aussen vor; z.b., dass wir macghillie hugo ball im zylinderkostüm gegenüber stellen (mit allen bezugspunkten, was sich in der zwischenzeit verändert hat) oder auch die parallelen zu anonymous.

Florian Kuhlmann ich glaube das ist aktuell ein ganz spannender punkt, die frage nach der vermittlung von aktionen. also natürlich war sie das immer, aber wir haben mit den neuen medien, dem internet meines erachtens eine situation erreicht, in der aktion und mediale vermittlung zeitlich fast eins sind. im livestream per handy spitzt sich das ganze zu. was meinst du, ist diese gleichzeitigkeit in aktion und vermittlung eventuell eine neue qualität? also zumindest im hinblick darauf, dass es nicht mehr exklusiv dem fernsehen und radio vorbehalten ist.

Philipp Meier ‎@hercules: ich mag direkte kritik (wobei deine ziemlich geschwurbelt ist;). hier in zürich kommt mir eine solche viel zu selten zu ohren (oder zu augen).
ich habe nirgends behauptet, dass ich ein brillanter rhetoriker wäre. ich habe wahrscheinlich auch bessere talente, kunst zu vermitteln, als vor menschen zu stehen. von meinem biorhythmus her wars in etwa die dümmste zeit, um eine solche produktepräsentation zu machen (9 uhr in der früh;) und wenn du nun möchtest, dass ich auch inhaltlich auf deine kritik reagiere, dann müsstest du nun den finger aus dem arsch nehmen, um vielleicht noch in ein paar sätze mehr auszuführen, worum es dir geht…;)))

Philipp Meier ‎@florian: yep. ganz sicher. das internet unterwandert die bisherigen herrschaftsstrukturen in der informationsaufbereitung und -vermittlung. die journalisten werden verschwinden, wie vor ihnen die schriftsetzer. rebell.tv war mein lieblingsprojekt im deutsch sprechenden internet. dort konnte ich jemandem quasi beim denken zuschauen. auf den ersten blick schien das meiste sehr kryptisch. wenn man jedoch tagtäglich ca. 20-30 min. reinschaute, dann begann man mit der zeit die zusammenhänge zu sehen.
viele werden meinen erklärungen zu macghillie, wenn überhaupt, nur nebenher oder quer sehen und hören. dabei werden sie nur bruchstücke mitnehmen. diese bruchstücke werden sie in ihr eigenes fliessendes weltbild einfügen.
bald werden die ersten afrikaner in macghillie anzügen unterwegs sein. in andere kulturen hat dieser anzug wieder ganz andere bedeutungen. diese open source artwork in progress ist schon heute nur noch schwerlich kontrollierbar. meine (hölzernen;) erklärungsversuche tuen dem ganzen bestimmt keinen abbruch…:)))


die bar im cabaret voltaire

Florian Kuhlmanngepostet anPhilipp Meier 1. März um 10:06 in der Nähe von Düsseldorf
Nun noch eine letzte Frage die mir in den letzten Tagen zunehmend wichtiger erscheint. Macht ein solches Interview mit dir als Einzelperson im dadaistischen, postdadaistischen oder neodadaistischen Kontext überhaupt Sinn, kann eine Person sinnvoll beantworten was DADA ist oder verfangen wir uns hier in Deutungshoheiten die im Sinn des DADA wirklich unsinn sind?

Philipp Meier doch! es ging auch bei den dadaisten ständig um deutungshoheiten. kurt schwitters, der sehr oft mit dada in verbindung gebracht wird und dessen arbeiten ich im besagten zeitraum revolutionär finde, wurde ja eigentlich nie von den dadaisten aufgenommen;
weshalb er seiner arbeit einen eigenen namen gab; merz (da gibt es sogar eine anekdote, dass zwischen einem dadaisten und schwitters fäuste flogen…;)und auch wenn wir beim zürcher dada bleiben: hugo ball und tristan tzara hatten sehr unterschiedliche vorstellungen davon, was dada sein könnte oder müsste. deshalb kehrte ball zürich und dada relativ bald den rücken…
ich würde mal behaupten, dass wir bezüglich postdada weltweit eine einzigartige position haben. die meisten dadakenner oder -fans werden dir sagen, dass dada mal war und heute so in keiner art und weise denk- geschweige denn machbar sei…


Florian Kuhlmann was meinst du mit der weltweit einzigartigen position? könntest du das noch vielleicht noch einmal etwas erläutern bitte, denn da würde ich gerne noch mal nachhaken? … könnte es eventuell sein, dass künstlerinnen und künstler die sich auf eine entgrenzung
einlassen und ihre sinne öffnen aktuell eigentlich fast automatisch bei so etwas wie dada landen, um so eine gewisse harmonie zwischen sich, ihrer kunst und dem irrsinn der umwelt zu schaffen. dada also als mittel zur verhinderung des wahnsinns?

Philipp Meier «dada» und «institution» sind eigentlich ein widerspruch. diesen erachte ich jedoch als enorm anspornend. wir haben uns auf die fahnen gesetzt, dada nicht nur zu dokumentieren, sondern ihn auch neu zu erfinden; respektive, ins jetzt zu übersetzen. uns beschäftigt nichts weniger als die frage, was heute in kunst und gesellschaft revolutionär sein könnte. ich würde mal behaupten, dass weltweit nur wenige kunstinstitutionen derart radikal an einer gänzlich neuen kunstform herumexperimentieren wie wir dies tun. (so weit zur einzigartigen position)

bei post/dada geht es weniger um eine harmonie oder um eine verhinderung des wahnsinns. dada war ein protest gegen den wahnsinn der zeit; in erster linie, indem es ihn hyperaffirmativ künstlerisch darstellte und ebenso in die gesellschaft eingriff.
wie damals, findet sich heute der wahnsinn der zeit oft an orten, wo er nicht vermutet wird; zum beispiel in den oligarchischen strukturen hinter unseren demokratischen fassaden. es geht also viel mehr darum, den wahnsinn sichtbar zu machen, aushalten zu können, zu überzeichnen, zu kopieren, etc.pp.

Florian Kuhlmann wunderbar. es ist geschafft… ich danke dir für dieses ausführliche interview!

Erste internationale Ausstellung: Dada Fair, 1920

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