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Gespräch R. Schappert und F. Kuhlmann im Januar 2021

als gäbe es ein Morgen, lautet der Ausstellungstitel von Roland Schapperts aktueller Show, welche die dynamische Form eines ‚gallery take over‘ in der davidbehning galerie in Düsseldorf Flingern angenommen hat. Schappert zeigt dort nicht nur eigene Werke. Er arbeitet im Rahmen der aktuellen Möglichkeiten vor Ort, lädt im Rahmen einzelner Episoden Gäste zum Talk, zu (digitalen) Werkstattgesprächen, Präsentationen und zu Kooperationen ein.

Copyrights: R. Schappert und VG Bild-Kunst, Bonn 2021 

F.K.
wie geht es dir ende des jahres 2020?

R.S.
Fantastisch. Marina und ich fahren gerade nach Paris. Ein arbeitsreiches Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir sitzen im Auto und ich beantworte Deine Fragen.

F.K.
du sagtest mir am telefon, dass bei dir seit 2020  – auch beeinflusst durch die veränderten produktions- und arbeitsbedingungen – leben und kunst besonders eng verbunden sind. sofort fallen mir hierbei die fluxus-bewegung oder auch die situationisten ein. vielleicht kannst du etwas genauer beschreiben, wie sich das bei dir bemerkbar macht. knüpfst du an die fluxus-bewegung bzw. die situationisten an oder siehst du andere bezüge?

R.S.
Die Strukturen des Kunstbetriebs erscheinen vollkommen auf den Kopf gestellt. Corona ist nicht die Ursache für viele der grundlegenden Probleme im Kunstbusiness, macht aber vieles deutlich und schmerzhaft sichtbar. Kunst und Kultur sind im Freizeitsektor gern gesehene Ablenkungsmittel von den Routinen des Alltags. Sie sind allerdings vorübergehend abgeschafft. Ihre mögliche Bedeutung mit Bildungsfunktion verbleibt unterhalb der Tischkante. Die inhaltliche Unsichtbarkeit der Kunst ist zu einem erheblichen Teil selbst mitverschuldet. Es ist schon merkwürdig, dass einige wenige Künstlerinnen mit Corona-Soforthilfen ausgestattet kurze Zeit mehr verdienten als je zuvor. Die meisten Akteure des Kulturbetriebs werden von ihren Ausstellungs- und Aufführungsmöglichkeiten allerdings abgehalten und können ihren Beruf nicht wie gewohnt ausüben. Es fehlt eine zusammenfassende Lobbyarbeit, um in Gesellschaft und Politik besser ins Sichtfeld zu rücken. Einige Sammlerinnen bleiben auf ihren persönlichen Budgets zum Kunstankauf sitzen, weil sie die internationalen Kunstmessen nicht besuchen können, und stürmen seitdem die Studios der angesagtesten Künstlerinnen, die sich seitdem vor Einzelbetreuungen nicht mehr retten können, so wie die am besten vernetzten Galeristinnen ihre Ware nun im Kofferraum selbst zum Kunden transportieren müssen. Andere sind längst pleite. In Paris werde ich mich nächste Woche auf die Spuren der Lettristen begeben. Das tut gut, solange noch etwas Kleingeld im Portemonnaie ist. Die Hypergraphologie des Lettrismus könnte aktuell vielleicht wieder geeignet erscheinen, um Figürlichkeit und Abstraktion mit Buchstaben und Zeichen in Gleichklang zu bringen. Ich nenne das im Rahmen meiner Arbeit mit Worten und Sätzen eine Bildwerdung der Schrift.

F.K.
du hast jetzt eine ganze menge themen angesprochen und da möchte ich jetzt doch noch mal im detail nachhaken. so ganz klar ist mir noch nicht, was du mit der mangelnden inhaltlichen sichtbarkeit der kunst meinst? geht es dir hier um eine stärkere politisierung der künste? welche inhalte wären das, die sichtbarer werden könnten?

R.S.
Die Inhalte sind individuell selbst gewählt. Das ist aber auch das natürliche Problem. Denn im Zeitalter der Singularisierung lässt sich kaum etwas zusammenfassen, was nicht einer weiteren Differenzierung zum Opfer fällt.

F.K.
du kritisierst das fehlen einer zusammenfassenden lobbyarbeit der künste und gleichzeitig weist du darauf hin, dass es durchaus profiteure der aktuellen situation auch unter den künstlerinnen und künstlern gibt. gerade die sind vielleicht gar nicht so begeistert von der idee, da etwas zu ändern und den aktuellen status quo infrage zu stellen. gleichzeitig sind die starken player am markt auch oft die mit dem größten einfluss in institutionen und politik. wie könnte man die profiteure der aktuellen situation für eine solche lobbyarbeit gewinnen? was für angebote kann man machen und ist das überhaupt möglich?

R.S.
Ich stelle es nur fest und kann es als Künstler mit meinen bescheidenen Möglichkeiten höchstens ästhetisch benennen, aber leider nicht ändern. Jeder dreht sich hier in seinem eigenen Kreis. Mit individueller Kunst kann man die kulturellen Rahmenbedingungen herausfordern und in Frage stellen. Ob das allerdings ausreichend Gehör und Augen findet, steht offen.

F.K.
zu guter letzt noch mal ganz konkret zu deiner kunst, da du deine recherchen in paris erwähnst. worte, text und bild, das sind ganz wichtige elemente deiner arbeit. was interessiert dich an der „Bildwerdung der Schrift“? warum reizt es dich, das eine in das andere zu überführen und gibt es eventuell auch überlegungen in die andere richtung?

R.S.
Nein. Bilder möchte ich nicht in Schrift überführen. Aber die teilweise Auflösung der Schrift in eine spezifische Bildlichkeit finde ich interessant. Und die persönliche und unterschiedliche Interpretation der Begriffe durch die Anmutung ihrer aufgelösten Bildlichkeit reizt mich nun mal sehr.

F.K.
eine frage in bezug auf das aktuell laufende projekt in der davidbehning gallery: viele menschen sind derzeit voller sorgen um gegenwart und zukunft, es herrscht allgemein große verunsicherung. und dennoch haben david behning und du eine ausstellung in seiner galerie eröffnet. warum gerade jetzt kunst und vielleicht noch provokanter zugespitzt: muss kunst jetzt wirklich sein?

R.S.
Kunst ist für mich kein Luxus und zählt auch nicht zur Freizeit. Sie gehört als Tätigkeit zum Leben. Warum sollte ich jetzt damit aufhören? Ich produziere nicht für den Markt, sondern versuche, Zeichen und Botschaften zu verstehen, zu formen und in die Gesellschaft zu schleusen. Für die, die es lesen möchten. Ich gehöre keiner Sabotage-Fraktion an, sondern arbeite inhaltlich mehr oder weniger konstruktiv mit eigenen ästhetischen Mitteln und in Kooperationen. In der davidbehning gallery wird bis zum 28.2.2021 weniger ausgestellt, verkauft und Fertiges präsentiert, sondern mehr Partizipation in unterschiedlichen Episoden angeregt. Wir führen Werkstattgespräche über Kunst, diskutieren Qualitätskriterien, überführen die Produktion in die Galerie, erproben Kooperationen. David bezeichnet das Konzept so: „Unter dem Motto als gäbe es ein Morgen übernimmt Roland Schappert, Künstler und Autor, die davidbehning gallery und gibt Einblicke in seine künstlerische Praxis, Kooperationen mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden, die Bildwerdung der Schrift, Produktion von Werken und Ideen. Er lädt Gäste ein zum Talk, zum Werkstattgespräch, zu Kooperationen und zur Kenntlichmachung ihrer Positionen und Arbeiten. Ausgangspunkt des künstlerischen Prozesses von Roland Schappert sind Botschaften mit gesellschaftlichem Bezug, die sich in ihrer Mehrdeutigkeit darstellen und über unterschiedliche Medien und Kanäle mitteilen.“

Copyrights: R. Schappert und VG Bild-Kunst, Bonn 2021